05.11.2018 08:31

RFID-Chip

Das geht unter die Haut
Mikrochips als Implantat im Zeitalter der digitalen Transformation

Türen ohne Schlüssel öffnen, den Fahrschein immer dabei und jederzeit eine Visitenkarte „zur Hand“ – Auf der kontiki in Münster 2018 ließen sich drei Freiwillige einen Mikrochip in die Hand implantieren. Nach fünf Monaten als Cyborg zieht unsere Kollegin Diana Schlee eine erste Bilanz.

Auf der kontiki Konferenz in Münster im Juni 2018 hielt Dr. Patrick Kramer, Geschäftsführer und Chief Cyborg Officer von Digiwell, einen Vortrag zum Thema Chips als Implantate. Seine Präsentation war spannend, abgefahren und irgendwie skurril, was aber auch daran liegt, dass wir Deutschen solchen Themen in der Regel erstmal skeptisch gegenüberstehen. In Schweden haben bereits einige tausend Menschen einen Mikrochip implantiert und nutzen ihn als elektronische Fahrkarte oder digitales Zahlungsmittel.
Trotz meines Misstrauens war mein Arm oben, als er im Workshop fragte, ob sich jemand einen RFID-Chip implantieren lassen möchte. Keine fünf Minuten später war der reiskorngroße Chip in meiner linken Hand zwischen Daumen und Zeigefinger und ich wurde zum Cyborg*.

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Erste Ernüchterung machte sich breit
Am Tag nach dem Einsetzen konnte ich meine Visitenkarte und die Links zu meinen sozialen Netzwerken abspeichern, die nun jeder Besitzer eines NFC-fähigen Smartphones auslesen kann, sofern ich ihm die Hand reiche. Ein paar Wochen später war der Dienstleister für unsere Schließanlage im Büro - Meine Chance, den Chip damit verbinden zu lassen und den Transponder abzugeben. Leider erfolglos, mein Chip ist mit der Schließanlage nicht kompatibel. Eine Verbindung zu unserem Vorverkaufsgerät konnten wir auch nicht herstellen, da der NFC-Leser meinen Chip nicht finden konnte.

Die großen Irrtümer
Dennoch sorgt dieser Chip für Gesprächsstoff auf Messen oder im privaten Umfeld. Viele reagieren schockiert oder witzeln, ob ich mich bei Tasso (das ist die Plattform für gechipte Haustiere 😉) registriert hätte und gehen den üblichen Irrtümern auf den Leim.

Irrtum Nr. 1: Mit dem Chip weiß jetzt jeder, wo ich mich gerade aufhalte.
Das stimmt natürlich nicht. Mit dem Implantat kann ich nicht geortet werden, da der Mikrochip keine eigene Energiequelle besitzt und keine GPS-Daten aussenden kann.

Irrtum Nr. 2: Ich piepse, wenn ich durch eine Sicherheitskontrolle gehe.
Wenn ich am Flughafen durch die Sicherheits-Kontrolle gehe, löse ich keinen Alarm aus, weil die Mikrochip-Implantate zu wenig Metall enthalten.

Irrtum Nr. 3: Man kann mich nun hacken:
Man kann das Implantat mit einer NFC-App beschreiben und muss dazu Hautkontakt herstellen. Aus der Ferne kann niemand die Inhalte auf meinem Chip ändern oder lesen. Außerdem lässt sich das Implantat mit einem Passwort schützen.

Das Fazit zur digitalen Transformation
Auch wenn ich weder unsere Bürotür noch das Vorverkaufssystem entsperren kann, würde ich mir den Chip grundsätzlich noch mal einsetzen lassen. Allerdings würde ich noch ein paar Jahre warten, bis es einheitliche Industriestandards, Produkte und Unternehmen gibt, die davon profitieren könnten. Erfahrungsgemäß dauert es einige Jahre bis sich so ein Standard etabliert, da die Technikumstellung meist mit hohen Investitionskosten verbunden ist. Bevor große Unternehmen noch keine Vorteile sehen, wird es auch keine NFC-fähigen Lesegeräte in Zügen, im Einzelhandel und Co. geben.
Dennoch ist das Thema der digitalen Transformation allgegenwärtig, auch wenn viele dem Ganzen noch kritisch gegenüberstehen. In Serien wie BLACK MIRROR oder HUMANS begegnet es uns immer wieder. Vor nicht allzu langer Zeit hätte auch niemand geglaubt, dass wir alle mal ein Smartphone besitzen, mit dem wir alltägliche Dinge erledigen. Für Überweisungen muss niemand mehr zur Bank gehen, einen neuen Wintermantel bestelle ich online und auch den Urlaub oder das Zugticket kann ich bequem und von überall aus mit meinem Smartphone buchen. Was spricht dagegen, wenn wir irgendwann mit Chips in der Hand bezahlen oder unsere elektronische Fahrkarte immer dabeihaben? Niemand würde mehr „aus Versehen“ schwarzfahren oder hätte ein Problem, wenn der Geldbeutel zuhause vergessen wurde. So oder so sorgt das Implantat immer für Diskussionen und interessante Gespräche.

* Ein Cyborg (von engl. "cybernetic organism") ist ein Lebewesen, das technisch ergänzt oder erweitert ist. Damit ist er eine Ausprägung des Human Enhancement. (Gabler Wirtschaftslexikon)